• 1000 Jahre Geschichte in der monumentalen Bibliothek

1000 Jahre Geschichte in der monumentalen Bibliothek

12.11.2021 RETO WESTERMANN, Journalist

Unesco-Welterbe Schweiz – Die ältesten Bücher im monumentalen Barocksaal der St. Galler Stiftsbibliothek wurden vor mehr als 1000 Jahren verfasst. Sie bieten spannende Einblicke in die frühere Kunst der Buchherstellung. 

Manchmal haben kleine Ereignisse eine grosse Wirkung. Einem solchen hat wohl auch die Stadt St. Gallen ihre Gründung zu verdanken. Um das Jahr 612 war der Mönch Gallus gemäss neuester Erkenntnis mit dem Missionar Columban nach Italien unterwegs. Während sie sich im Bodenseeraum aufhielten, wurde Gallus krank, beschloss zu bleiben und künftig als Eremit zu leben. Auf der Suche nach einem hierfür geeigneten Ort gelangte er an die damals einsam gelegene Stelle, wo heute in der Galluskappelle der Altar steht. Dort stolperte und stürzte er. Dies nahm er als Hinweis Gottes, hier seine Klause zu errichten.
Gut 100 Jahre später gründete Abt Otmar 719 an derselben Stelle ein Benediktinerkloster. Die Abtei wuchs schnell, erlangte zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert eine grosse Bedeutung als kulturelles Zentrum und herrschte über grosse Gebiete des heutigen Kantons St. Gallen. Ausserhalb der Klostermauern entstand gleichzeitig die Stadt.

Opulente Barockarchitektur
Eine Kernkompetenz der St. Galler- Mönche war die Buchherstellung. Das Kloster gehörte während Jahrhunderten zu den wichtigsten Zentren der Buchkunst in Europa und verfügte über Werkstätten für die Herstellung des Pergamentpapiers, der Tinte und für das Binden der Bücher. Wichtigstes Element waren aber die Schreibstuben, wo Mönche die Bücher von Hand abschrieben. Nur so konnte damals ein Buch vervielfältigt werden, denn der Buchdruck, wie wir ihn heute kennen, wurde erst im 16. Jahrhundert erfunden.
Ein Teil der kopierten Bücher diente dem Aufbau einer eigenen Stiftsbibliothek, die schliesslich über 170 000 Exemplare umfasste. Sie bil- den heute eine der bedeutendsten Sammlungen ihrer Art in Europa. Über 400 Bände sind mehr als tausend Jahre alt. Zu den bekanntesten Werken zählt eine Handschrift des Nibelungenliedes aus dem 13. Jahrhundert. Zusammen mit zwei weiteren Exemplaren in München und Karlsruhe gehört sie zu den drei ältesten und vollständigsten Textzeugen dieses Heldenepos.
Gelagert werden die Werke bis heute im Gebäude der Stiftsbibliothek, das zusammen mit der benachbarten Kirche zwischen 1755 und 1767 im Barockstil errichtet wurde. Die beiden opulent ausgestatteten Bauten können besichtigt werden. Ein Höhepunkt des Besuchs stellt der Barocksaal der Bibliothek mit Galeriegeschoss und kunstvoll ausgemalter Decke dar. Die Bedeutung der Sammlung von Büchern und Handschriften sowie das Ensemble von Kirche und Bibliothek sind in ihrer Art einmalig und führten 1983 zur Aufnahme in die Weltkulturerbe- Liste der Unesco.

STIFTSBEZIRK ST. GALLEN

Ausflugstipps ums Welterbe 

Stiftsbezirk: Den monumentalen Stiftsbezirk mit der barocken Kathedrale sowie der Bibliothek erkunden und einen Blick auf 1000 Jahre alte Bücher werfen. Buchbar über: www.welterbeticket.ch 

Baden: Auf der 110 Meter langen Rutsche der Badelandschaft im Säntispark Abtwil den Nervenkitzel spüren oder in der Saunalandschaft genussvoll entspannen.

Veloreise: Mit dem Velo auf der familienfreundlichen Rheinroute in sechs Tagen von Bad Ragaz nach Schaffhausen radeln und unterwegs einen Abstecher nach St. Gallen machen.

Unesco-Welterbestätten Schweiz

Das Unesco-Label «Welterbestätte» erhalten ausschliesslich Kulturund Naturgüter von «aussergewöhnlichem universellem Wert». Die Schweiz verfügt über zwölf Unesco-Welterbestätten. Sie alle stehen für die bedeutendsten Natur- und Kulturschätze unseres Landes – ein Muss, sie gesehen und erlebt zu haben. Der Schweizerische Hauseigentümer stellt dieses Jahr in loser Folge einige dieser Stätten vor.

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